Walter Arlart - letzter Oberbürgermeister vor dem Nationalsozialismus

von Jörn Richter

Vor dem Machtantritt der Nazis war Walter Arlart der letzte OBM von Chemnitz. Wenig erinnert an ihn, er scheint in der heutigen Stadtgeschichte fast vergessen, obwohl er 16 Jahre die Geschicke der Stadt nicht nur lenkte, sondern entscheidend voranbrachte.  Am 23. April 1951, also vor 70 Jahren, starb er in Goslar.

Walter Arlart, um 1925

Walter Arlart wurde am 16. September 1873 in Gumbinnen (Gussew, Kaliningrader Gebiet) als fünftes Kind eines Likörfabrikanten geboren. Er besuchte Volksschule, Gymnasium, studierte Rechts- und Staatswissenschaften und legte mit 22 Jahren die Referendarprüfung ab. Dem folgten ein Militärpflichtjahr und Ende 1901 die Zweite Staatsprüfung. 1902 heiratete er und eröffnete eine Kanzlei als Rechtsanwalt und Notar in Goldap (Polen). Aber schon 1905 suchte der Jurist neue Herausforderungen, er wurde Stadtrat in Insterburg (Tschernjachowsk, Kaliningrader Gebiet), seiner ostpreußischen Heimat. Die Verwaltung einer Kleinstadt füllte ihn nicht lange aus. So bewarb er sich in größeren Kommunen und wurde 1908 Zweiter Bürgermeister in Allenstein (Olsztyn, Polen). In einer Beurteilung bescheinigte ihm sein Oberbürgermeister, dass „Herr Arlart ein geschickter, fleißiger und umsichtiger Beamter ist, der bei der Bearbeitung seiner Dezernate nie den Blick auf die Bedürfnisse der gesamten Verwaltung aus dem Auge verlor. Seine Vorlagen verstand er geschickt und mit Gewandtheit vor der Stadtverordnetenversammlung zu vertreten, wobei ihm seine Rednergabe gut zu statten kam. Sein Auftreten gegenüber dem Publikum war entgegenkommend, aber doch bestimmt.“

Der nächste Karrieresprung gelang ihm 1911 als gewählter Stadtrat und Kämmerer in Neukölln. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurde er von 1914 bis 1916 als Offizier im Heeresdienst eingesetzt.

In Chemnitz trat 1917 der langjährige Oberbürgermeister Dr. Heinrich Sturm (1860-1917) zurück. Sein Stellvertreter Dr. Johannes Hübschmann wurde sein Nachfolger und der Posten des Zweiten Bürgermeisters, dem auch die gesamte Stadtkasse unterstand, neu ausgeschrieben. Aus den 15 Bewerbungen wählten die 45 Chemnitzer Stadtverordneten Walter Arlart mit 29 Stimmen eindeutig in dieses Amt. Für ihn sprach seine Tätigkeit als Stadtkämmerer in der 100.000 Einwohnerstadt Neukölln, wo er für das Kassen-, Rechnungs- und Steueramt, für die Sparkasse und die Hypothekenanstalten die Verantwortung trug. „Das war ein Arbeitsgebiet, das Walter Arlart viele Erfahrungen verschafft hatte, umso mehr, da die Nähe Großberlins die Stadt Neukölln zwang, an allen Fortschritten der städtischen Verwaltung teilzunehmen…“, wurde Arlarts Wahl begründet.

Man muss sich erinnern, der 44jährige Arlart startete als Zweiter Bürgermeister in einer Zeit, als die Novemberrevolution Deutschland radikal veränderte und danach Inflation und Unruhen das Land erschütterten. Wenn in Chemnitz bis 1918 eine bürgerliche Mehrheit im Stadtparlament bestand, bestimmten danach die Arbeiterparteien aus SPD und KPD maßgeblich die Stadtpolitik. Der sozialdemokratische Erste Stadtverordnetenvorsteher Robert Straube (1857-1926) schätzte Arlarts Arbeit wie folgt ein: „Ich kann wohl sagen, und zwar namens des ganzen (Stadtverordneten-) Kollegiums, dass wir mit Ihrer Tätigkeit zufrieden gewesen sind. Wir begrüßen insbesondere ihre Arbeitsfreudigkeit und vor allem, dass sie stets vermieden haben, irgendeinen Parteistandpunkt hervorzuheben.“ Unter diesen Voraussetzungen konnte sich der Zweite Bürgermeister Arlart 1923 nach fünfjähriger Amtszeit zur Wiederwahl stellen und wurde nicht nur im Amt bestätigt, sondern als „Bürgermeister auf Lebenszeit“ gewählt. Der im Wilhelminischen Kaiserreich sozialisierte Arlart nahm die demokratischen Prinzipien der Weimarer Republik nicht nur an, sondern setzte sie als Verwaltungsfachmann effizient im Sinne seiner Stadt um. In seiner Gesinnung eher nationalkonservativ, wurde er zugleich als eloquenter Feingeist und Kunstliebhaber geschätzt. So übernahm Arlart, ab 1923 als Zweiter Bürgermeister, zusätzlich auch die kommunalen Kultureinrichtungen, so das Theater und die Museen, die in dieser Zeit eine besondere Blüte erlebten.

1930 verabschiedete sich OBM Dr. Johannes Hübschmann (1867-1930) in den Ruhestand. Im Februar 1930 stellten sich drei Kandidaten den 59 Stadtverordneten zur Wahl. Der parteilose, seit längerer Zeit als OBM designierte Zweite Bürgermeister Walter Arlart wurde mit 31 Stimmen auf diesen Posten gewählt. Die Stimmen für Arlart kamen dieses Mal nicht von der SPD, die - wie auch die KPD - einen eigenen Kandidaten aufgestellt hatte, sondern aus dem sogenannten „rechten Block“ aus bürgerlichen Parteien unterstützt durch die NSDAP.

Die neue Aufgabe wurde für Arlart in der Zeit der Weltwirtschaftskrise nicht leichter. Die Dominanz der exportorientierten Textil- und Metallindustrie, einst die Stärke der Chemnitzer Wirtschaft, erwies sich nun als Standortnachteil. Konkurse und Liquidationen bestimmten die Nachrichten. Verheerend wirkte dies auf den Arbeits­markt. Während es 1928 keine 10.000 Arbeitslosen gab, stiegen diese rasant auf 64.642 (1931) und danach noch weiter an. Die kolossale Arbeitslosigkeit und die kommunalen Sparmaßnahmen überforderten die Verwaltungen hoffnungslos.

Dass Walter Arlart die Ernsthaftigkeit seiner schweren Aufgabe als OB auch unterhaltend vermitteln konnte, stellte er 1932 in folgender Selbstbetrachtung unter Beweis. Er begann sie mit Goethes Faust:

„Nein, er gefällt mir nicht der neue Bürgermeister!
Nun, da er's ist, wird er nur täglich dreister.
Und für die Stadt, was tut denn er?
Wird es nicht alle Tage schlimmer?
Gehorchen soll man mehr als immer,
Und zahlen mehr als je vorher.”

Nach dem mit feiner Ironie und leiser Resignation vorgetragenen Zitat analysierte Arlart die Chemnitzer Zustände: „Was weiß der Bürger von seiner Stadt? Das alteingesessene, noch mit der Stadt verbundene Bürgertum verschwindet. Die Beamten betrachten sich nur als Gäste. Die einen Bürger treiben ihre eigenen Interessen, die anderen versuchen sich nur in Parteipolitik. Die Bürgerschaft zerfällt in zwei Gruppen, die beide schimpfen: Die eine, weil ihr zu viel genommen wird, die andere, weil sie zu wenig bekommt. Die Stadtverwaltung bleibt der Sündenbock“, beklagte er die Situation und fragte weiter: „Wie kann eine Besserung erzielt werden? Und antwortete: Das Interesse für die Belange der Stadt muss erregt werden. Verantwortungsreiche Männer müssen den idealen Gedanken der Selbstverwaltung realisieren helfen. Die Wähler sollten angehalten werden, sich mit den Institutionen der Stadt zu befassen und auch einmal den Haushaltsplan und das Zahlenwerk studieren. Die Stadtverwaltung begrüßt die Mitarbeit der Bürger, doch müsse sie sachlich bleiben.“ Abschließend schloss er seine Selbstbetrachtung mit Blick auf den Winter 1932/33 mit düsteren Aussichten: „Not und Sorge schlichen gespensterhaft umher, schwere Erschütterungen stehen bevor.“

Neues Rathaus, Walter Arlarts Arbeitsplatz, Abb. um 1914

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 bereiteten die Nazis mit größter Brutalität und Terror die Reichstagswahlen am 5. März 1933 vor. Die NSDAP erzielte in Chemnitz 40,5%, die bereits im Untergrund agierende KPD 19% und die SPD 22,4%.

Auch wenn die beiden Arbeiterparteien noch etwas mehr Stimmen als die NSDAP hatten, waren die Nazis nicht mehr aufzuhalten. Der NSDAP-Kreisleiter verkündete, dass Adolf Hitler jetzt auch in Chemnitz „mit dem roten Spuk endlich und radikal aufräumen wird“. SA und Stahlhelm besetzten alle öffentlichen Einrichtungen, wie Rathäuser, Schulen, Gerichtsgebäude, Gefängnis, Polizeipräsidium, Postdirektion, Finanzamt, Feuerwache und befestigten dort Hakenkreuzfahnen. Am 9. März 1933 erstürmte die SA das Gebäude der SPD-Zeitung und erschoss den Herausgeber Georg Landgraf, der von 1926 bis 1929 auch Vorsteher des Stadtparlaments war.

Auf der Stadtverordnetensitzung am 10. März 1933 nahmen nur noch NSDAP-Mitglieder teil. Die Vertreter der Arbeiterparteien wurden verfolgt oder befanden sich in „Schutzhaft“. Die bürgerlichen Fraktionen lehnten ihre Teilnahme demonstrativ ab. Die Nationalsozialisten beschlossen Umbenennungen, u. a. des Theater- in Adolf-Hitler-Platz. Sie ernannten Hindenburg und Hitler zu Ehrenbürgern. Arlart, der Parteilose, stand dem als Oberbürgermeister völlig fassungs- und machtlos gegenüber. Rigoros entließen die Nazis in der Stadtverwaltung 819 Personen, darunter 562 „wegen ihrer politischen Einstellung“ und ersetzten sie durch Vertreter der alten NS-Garde. Walter Arlart musste die für ihn tragischen Personalentscheidungen, wie z.B. die Entlassung von Musemsdirektor Schreiber-Weigand oder des Intendanten Hanns Hartmann, zur Kenntnis nehmen.

Diesen menschenverachtenden Terror der Nationalsozialisten konnte und wollte der fast 60jährige nicht mittragen. Wenn Walter Arlart 1930 noch mit den Stimmen der NSDAP zum OBM auf Lebenszeit gewählt wurde, unternahmen die Nazis nun alles, um ihn mit falschen Anschuldigungen zu diffamieren und aus dem Amt zu treiben. In dieser Situation persönlicher Anfeindungen ergriff er die Initiative und reichte seine Versetzung in den Ruhestand ein. Gemeinsam mit seiner Frau zog er sich in das abgeschiedene Rheinsberg/Havel zurück. Von seinem kommissarischen Nachfolger als Oberbürgermeister, Dr. Otto Härtwig, erhielt Arlart dort zu seinem 60. Geburtstag im September 1933 einen Blumengruß und folgende persönliche Zeilen: „Es schmerzt mich, weil ich damit den Abschluss unter ein Arbeits- und an Erfolgen reiches Berufsleben setzen muss: Das umso mehr, weil Sie, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, mir und unseren Mitarbeitern im Rate immer ein liebevoller Ratgeber und freundlicher Führer und für die städtischen Beamten, Angestellten und Arbeiter ein wohlwollender Vorgesetzter gewesen sind ...
Mit den besten Wünschen und herzlichen Grüßen auch von Haus zu Haus bin ich immer
                                              Ihr ergebener Härtwig.“

Ende 1933 strebte die NS-Ratsfraktion ein Dienststrafverfahren gegen Arlart an, welches Härtwig zurückstellten konnte und das 1934 eingestellt wurde. Arlarts Ruhestandsgeld hatte sich zum vorherigen Gehalt fast halbiert. Aber er war den persönlichen Druck los, Entscheidungen der Nazis billigen zu müssen, die seinem inneren Wesen widersprachen.

Doch die Nazis, federführend um NS-Bürgermeister Walter Schmidt, gaben Arlart keine Ruhe. 1935 forderte Schmidt ein geringeres Ruhegehalt für Arlart, weil Arlart für den „Marxisten Landgraf“ 1933 einen Kranz zu dessen Beerdigung veranlasst hatte. Als Arlart 1941 inzwischen in Berlin wohnte, erbat Schmidt von der dortigen NS-Kreisleitung „vertrauliche Informationen“ über Arlarts vermeintliche NSDAP-Zugehörigkeit. Berlin teilte mit, dass Arlart nicht Mitglied der NSDAP sei. Um 1943 zogen sich die Eheleute Arlart nach Goslar zurück. Hier arbeitete Walter Arlart, wie schon vorher in Berlin, ehrenamtlich als juristischer Berater für die Innere Mission. Nach seinem Tod 1951 zog seine Witwe nach Wiesbaden.

 
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